Mut zum Klimaschutz

See mit Standup-Paddler

Gemeinfrei via unsplash/ Julia Margeth Theuer

Mut zum Klimaschutz
Wir haben die Wahl
17.09.2021 - 06:35
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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Gedanken zur Woche von Oliver Vorwald

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Meine Töchter sind dabei. Laut, wütend, leidenschaftlich. Und Detlef marschiert mit. 67 Jahre, drahtig und agil wie Iggy Popp. Kommenden Freitag gehen sie auf die Straße – und mit ihnen Jugendliche weltweit. Zwei Tage vor der Bundestagswahl - der nächste Globale Klimastreik. Ein breites Bündnis, initiiert durch Fridays for Future, ruft dazu auf. Das Ziel: „Wir machen die Wahl zur Klimawahl“. Zentrales Motiv auf den Demo-Plakaten ist ein glühender Planet, der mehr an eine Sonne erinnert als an die Erde.

 

Zwei Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben Angst vor der Zukunft. Das hat eine Umfrage ergeben unter zehntausend Jugendlichen aus zehn Ländern. 72 Prozent sagen, die Regierungen „tun nicht genug, um eine Klimakatastrophe zu verhindern“ (1) Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), im Papier werden die Wahlprogramme der großen Parteien in Deutschland analysiert. „Keines […] beinhaltet ein Konzept, um die vereinbarten Emissionsziele des Klimaschutzgesetzes ohne Abstriche zu erreichen“ – so das Fazit. (2)

 

Fehlt den Parteien, den Älteren, selbst den Grünen der Mut, weil ein konsequentes, an den Zielen des Pariser Klimagipfels ausgerichtetes Programm mit Zumutungen verbunden wäre? Für Wirtschaft, Familien, Freizeit, Verkehr? Zumutungen sind in Wahlkampfzeiten ja immer schlecht, weil sie Stimmen kosten könnten. Dabei hat dieser Sommer vielen längst zugemutet, wie bedrohlich der Klimawandel ist. Die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat 65.000 Menschen betroffen, 134 starben (3), ganze Landstriche sind verwüstet. Höchste Zeit also, zu handeln. Zumal der Faktor Zeit die knappste Ressource bei den Maßnahmen gegen die Erderwärmung ist. Ich kann die Wut und die Sorgen der Jugendlichen gut verstehen, ihren missionarischen Eifer. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“

 

Die Klima-Ziele wirklich ernst zu nehmen, das ist eine Zumutung. Verbunden mit immensen Kosten. Doch dagegen stehen die Kosten des Klimawandels. Danach hat Sonntag beim Triell der Kanzlerkandidat:innen übrigens niemand gefragt. Allein der Hilfsfonds des Bundestages für die Hochwasserregion beläuft sich auf 30 Milliarden Euro. Von der Europäischen Union sollen weitere Gelder kommen. Wobei die dafür vorgesehenen Haushaltsmittel bereits fast vollständig für Hilfen nach anderen Naturkatastrophen aufgebraucht sind (4).

 

In der Kirche heißen Klima- und Umweltschutz meist „Bewahrung der Schöpfung“. Weil Gott der Menschheit in der Schöpfungsgeschichte aufträgt, die Erde zu bewahren. Eine kirchliche Initiative aus Hamburg und Heidelberg will diese Formel mit dem Begriff ‚Paradising‘ erweitern. Ihr Ziel: das Engagement für den Klimaschutz positiv aufladen, mit einem klangvollen Sprachbild (5). Und weil vielen der Mut und die Sehnsucht danach fehlt. Paradising - ein Hoffnungsbild.

Eine Hoffnungsgeschichte dafür ist der Auszug der Israeliten aus Ägypten, aus der Sklaverei in die Freiheit, ganz am Anfang der Bibel. Es wurde ein langer Weg durch die Wüste, länger und steiniger als die meisten zunächst angenommen hatten. Das Trio, das die Israeliten anführt – Mirjam, Aaron und Mose – verschweigt die Zumutungen der jahrlangen Wanderung nicht. Außerdem erinnern sie die Israeliten immer wieder an das Ziel, an Gottes Verheißung: Das Land, wo Milch und Honig fließen. Dieses Bild hat so viel Kraft, dass die Israeliten den Marsch durch die Wüste schaffen, trotz mancher Rückschläge. Mit verbindenden Geschichten, Sehnsuchtsbildern lassen sich gemeinsam große Strecken zurücklegen.

 

Alle müssen ihren Teil zum Klimaschutz beitragen. So wie Detlef, 67 Jahre, er macht mit. Und ich finde es gut, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen das beim nächsten Globalen Klimastreik einfordern. Laut und leidenschaftlich. Paradising! Es lohnt sich, unsere Erde zu bewahren. Sie ist voller Paradiese – und wo nicht, können sie entstehen. Die nächste Bundesregierung hat eine große Chance, wahrscheinlich sogar eine historische. Sie hat es in den Händen, dass die Klimaziele für Deutschland noch erreicht werden können (6).

 

Literaturangaben:

 

  1. https://www.rnd.de/politik/studie-zwei-drittel-der-jugendlichen-haben-angst-vor-der-klimakatastrophe-GXC2MWTSVBB3RJDYUHL6A3JPAA.html
  2. „Wie viel Klimaneutralität steckt in den Wahlprogrammen? Eine Studie für die Stiftung Klimaneutralität“: https://diw-econ.de/wp-content/uploads/DIWEcon_Wahlprogramme_Plausibilitaetsanalyse_v2.0.pdf
  3. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-09/gedenkfeier-flutkatastrophe-opfer-staatsakt-frank-walter-steinmeier
  4. https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-09/flutkatastrophe-eu-kommission-finanzhilfen-bereitstellungsprobleme-flutopfer-nrw-rheinland-pfalz
  5. https://www.umkehr-zum-leben.de/asa/paradising
  6. https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2021-08/klimaschutz-wahlprogramme-bundestagswahl-klimapolitik-pariser-klimaabkommen/komplettansicht

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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