Widerstand im Wohnzimmer

Wort zum Tage
Widerstand im Wohnzimmer
mit Kathrin Oxen
21.09.2021 - 06:20
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In meinem Wohnzimmer werden sie sich nicht getroffen haben. Dazu waren sie zu viele. Aber in meinen Haus waren sie ganz bestimmt. Ich wohne im Pfarrhaus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in der Lietzenburger Straße in Berlin. Seit 1930 war dort Gerhard Jacobi Pfarrer. Schon von Beginn an sah er das Erstarken des Nationalsozialismus kritisch. Der von ihm mitgegründeten „Theologischen Arbeitsgemeinschaft Kirche und Amt“, später nur noch „Jacobi-Kreis“ genannt, schloss sich auch Dietrich Bonhoeffer an. In diesem Kreis hatte auch der „Pfarrernotbund“ seine Wurzeln. Am 21. September 1933 wurde er als Reaktion auf die Umsetzung des Arierparagraphen innerhalb der evangelischen Kirche gegründet. Menschen mit jüdischer Herkunft durften nicht mehr Pfarrer sein. Gerhard Jacobi war vom Arierparagraph selbst betroffen. Später wurde er dann zum Präses der Bekennenden Kirche in Berlin. Nach dem Krieg übernahm er kirchenleitende Ämter und wurde Bischof in Oldenburg. 1958 lehnte er es ab, für das Amt des Bundepräsidenten zu kandidieren. Er starb hochgeehrt 1971.

Es gibt Biografien, die so geradlinig sind, dass man sie nur mit Respekt und Ehrfurcht wahrnehmen kann. Vielleicht ist es meine Wohnung, in der Gerhard Jacobi mit seiner Familie gelebt hat? Das Haus hat ja den Krieg überstanden. Und damals wie heute kann man aus den oberen Etagen den Turm der Gedächtniskirche sehen.

Als Gerhard Jacobi sein Amt antrat, war der noch keine vom Krieg zerstörte Ruine. Aber was sich spätestens mit der sogenannten „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Januar 1933 in Deutschland anbahnte, hatte er klar erkannt. So hieß es dann in der Erklärung, die die Mitglieder des Pfarrernotbundes abgeben mussten: „Ich verpflichte mich, mein Amt als Diener des Wortes auszurichten allein in der Bindung an die Heilige Schrift und an die Bekenntnisse der Reformation als die rechte Auslegung der Heiligen Schrift. (…) In solcher Verpflichtung bezeuge ich, dass eine Verletzung des Bekenntnisstandes mit der Anwendung des Arier-Paragraphen im Raum der Kirche Christi geschaffen ist“.

Gerhard Jacobi ist für seine klare Haltung angefeindet und mehrfach verhaftet worden. Selbst der Gemeindekirchenrat seiner eigenen Gemeinde stand keineswegs hinter ihm, im Gegenteil. Wie wird sich das angefühlt haben, denke ich manchmal, wenn er abends in seine Wohnung gekommen ist, durch das gleiche Treppenhaus, das ich jeden Tag benutze? Wie ist es, wenn Geradlinigkeit und Widerstand im eigenen Wohnzimmer ihr Zuhause haben? Und ich denke dann: Wieviel davon wohnt eigentlich bei mir?

Es gilt das gesprochene Wort.