aufgetan

Wort zum Tage

Foto epd-bild/ Wolfgang Noack

aufgetan
von Kathrin Oxen
29.11.2022 - 06:20
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„Auf die größten, tiefsten, zartesten Dinge in der Welt müssen wir warten, da geht’s nicht im Sturm, sondern nach den göttlichen Gesetzen des Keimens, Wachsens und Werdens.“ Das sind Worte von Dietrich Bonhoeffer, dem vermutlich meistzitierten evangelischen Theologen. Fast ein Heiliger ist er geworden, nach seiner Haft und seiner Hinrichtung kurz vor dem Ende des sogenannten Dritten Reichs. „Da geht’s nicht im Sturm“ - das sagt Bonhoeffer in einer Phase seines Lebens, in der wichtige Ereignisse in atemberaubender Geschwindigkeit aufeinander folgten: Er beendete sein Theologiestudium, wurde mit 21 Jahren promoviert, machte sein Vikariat in einer Auslandsgemeinde in Barcelona, wurde ordiniert und habilitierte sich gleichzeitig innerhalb eines knappen Jahres. Schon 1931 ist der erst 25jährige Bonhoeffer fertiger Pfarrer und gleichzeitig Privatdozent für Systematische Theologie an der Berliner Universität. Wenn das nicht im Sturm gegangen ist…

Ich hatte viele Jahre meine Schwierigkeiten mit Dietrich Bonhoeffer. Sein Leben, sein theologisches Werk, seine Haft und sein furchtbarer Tod sind so beeindruckend und vorbildhaft, dass man sich im Vergleich dazu nur höchst durchschnittlich fühlen kann. Erst, als ich seine „Brautbriefe“ gelesen habe, den Briefwechsel aus der Haft mit seiner Verlobten Maria von Wedemeyer, ist er mir als Mensch nahegekommen. In diesen Briefen finde ich einen anderen Bonhoeffer, einen, der nun in seiner Zelle nichts anderes mehr tun kann als warten. Und Zeit hat, sich seine tieferen und zarteren Wünsche einzugestehen, die nach Nähe, nach Liebe und einer Beziehung. Nach dem, was zu kurz gekommen sein muss in den Jahren seines Lebens, in denen es im Sturm gegangen ist. Gewusst hat er das schon als junger Mann. Gelebt hat er es aber erst am Ende seines viel zu kurzen Lebens.

Im November 1943 schreibt er an seine Verlobte Maria: „Wenn Du den Brief kriegst, ist wohl schon der Advent da, eine Zeit, die ich besonders liebe. Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes - letztlich Nebensächliche - tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent.“ In der Erwartung leben, dass sich eine Tür auftut. Und nichts dafür tun können, dass es passiert. Aber darauf vertrauen, dass es kommt. Adventlich leben, auch über diese vier kurzen Wochen im Dezember hinaus. Auf die größten, tiefsten, zartesten Dinge in der Welt müssen wir warten.

Es gilt das gesprochene Wort.