Magie

Wort zum Tage

Gemeinfrei via pixabay/ anatate

Magie
mit Pfarrerin Kathrin Oxen
28.01.2022 - 06:20
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Mehr Magie in den Alltag, sogar auf dem Schulweg. Wer auf die Ritzen zwischen den Gehwegplatten tritt, zerfällt zu Asche. In einer seiner humorvoll-skurrilen Kolumnen erzählt Axel Hacke von dem spannenden Nachhauseweg, den er und seine Klassenkameraden sich mit derartigen magischen Vorstellungen geschaffen haben. Jedes Kind kennt die heimlichen Rituale, die etwas in die gewünschte Richtung bewegen sollen. Oder auch die angeblich drakonischen Folgen, wenn man sich daran nicht hält. Zu Asche zerfallen ist Axel Hacke zum Glück nicht, auch wenn er auf die Gehwegritzen getreten ist.

Seit dem Beginn der Pandemie hat sich ein geradezu magisches Wirklichkeitsverständnis ebenfalls epidemisch ausgebreitet. „Wir hätten einfach so gerne, dass etwas, was wir tun, die Welt beeinflusst“, schreibt Axel Hacke. Und wir mussten in den vergangenen zwei Jahren mit Macht erfahren, dass sich dieses Virus in keiner Weise beeinflussen lässt. Auch nicht von Menschen, die meinen, eine besondere Offenbarung über seine tatsächliche Herkunft zu besitzen. Oder die seine Existenz leugnen, auf ein gestärktes Immunsystem vertrauen oder auf andere Mittel, die vielleicht zur Bekämpfung der Pest im Mittelalter geeignet schienen, die jetzt aber erwartungsgemäß versagen.

Wahrscheinlich hätten wir alle gerne, dass es anders wäre und dass wir etwas Durchschlagendes bewirken können. Dieser Wunsch verbindet mich wohl auch mit Coronaleugnern und Impfgegnern. Aber ich möchte dabei die Errungenschaften der Aufklärung nicht preisgeben. Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, heißt in diesen Zeiten: Das Recht auf eine eigene Meinung nicht mit dem Recht auf eigene Fakten verwechseln. Dankbar sein für die großartigen Errungenschaften der Medizin, für die Entwicklung von Impfstoffen und Behandlungsmöglichkeiten. Und bitte weniger Magie.

 

1527, als in Wittenberg die Pest ausgebrochen war, schrieb Martin Luther: "Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht." (Luthers Werke Band 5, Seite 334f.) Wie fromm und vernünftig, geradezu aufklärerisch – 1527 schon.

Es gilt das gesprochene Wort.